Macht abgeben – 23.5.16

Macht loslassen ist in Österreich gerade in der  Politik aktuell. Ex-Kanzler Faymann hat dem Land mit seinem Rücktritt einen großen Gefallen getan.

Mir geht es aber um das altersbedingte Loslassen der Macht vor allem im beruflichen Kontext. Sehr schwer stelle ich mir das vor, aus dem Netzwerk der Kollegen langsam herauszufallen. Ich merke das schon bei langfristigen Planungen. Nachdem ich in spätestens 5 Jahren, wahrscheinlich früher, in Pension gehen werde, macht es zum Beispiel keinen Sinn eine Ausbildung mitzumachen, die in 3 oder 4 Jahren in die Praxis umgesetzt werden soll. Das ist völlig logisch und im Grunde interessiert mich das Thema der Ausbildung noch nicht einmal, trotzdem ist es ein ganz eigenes Gefühl in den Plänen der Kollegen nicht mehr vorzukommen.

Macht loszulassen bedeutet auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Wenn man dann nicht selbstgenügsam ist und flexibel genug sich neue Strukturen aufzubauen …… Und Flexibilität ist ja nicht unbedingt eine typische Eigenschaft älterer Menschen. Man muss also einerseits rechtzeitig die Bedeutung der beruflichen Tätigkeiten und Zusammenhänge in seinem Leben reduzieren. Das bietet die Chance mehr Zeit zu finden für  Menschen und Interessen des Privatlebens. Klingt alles perfekt, nur ist dabei nicht einberechnet, dass dieselben Tätigkeiten in fortgeschrittenem Alter anstrengender sind als davor.

Ich habe meine Lehrverpflichtung um einiges reduziert, empfinde sie aber nicht im gleichen Ausmaß als weniger anstrengend. Die Energie wird eben langsam aber doch weniger. Die Situation ist nicht problematisch, wenn ich sehr müde bin, kenne ich schon die Gründe dafür. Der Unterschied ist, dass ich die Müdigkeit nicht wie früher ignoriere und einfach weitermache. Wenn ich müde bin, mache ich eine Pause. Das ist ja an und für sich sehr vernünftig und wünschenswert. Nur mache ich die Pause nicht, weil ich will, sondern weil ich muss. Das fühlt sich leicht demütigend an …..

Nicht vergessen darf man auch, dass der nächste Schritt nach dem Loslassen der Macht das Loslassenmüssen der Selbstbestimmung sein kann.

Das sind keine depressiven Betrachtungen über das Leben, sondern ein Versuch zu überlegen, welche Dinge in meinem Leben mir auch unter eingeschränkter Mobilität und Energie Freude machen können. Der nächste Schritt muss dann sein diese Kontakte und Aktivitäten zu nähren

 

16.4.16 – Näher an die Nachbarn ??

Im Eingangsbereich des Hauses in dem ich wohne, gibt es mehrere Anschlagtafeln, die immer wieder auch für private Nachrichten genutzt werden. „Bei Nr 17 wird das Bad renoviert. Wir entschuldigen uns für die Lärmbelästigung“ „Die Bücher auf dem Kastl sind zur freien Entnahme“. „Ich feiere am Samstag meinen Geburtstag, alle sind herzlich eingeladen, es wird laut“. Seit einigen Wochen hängt da auch der Hinweis auf eine Plattform namens „fragnebenan“mit einer Einladung sich daran zu beteiligen.

Nun habe ich in diese Plattform reingeschaut und sie hat mir gut gefallen. Da geht es um verschiedene Arten von Nachbarschaftshilfen und Vernetzungen. Man wird gebeten anzugeben, was man anbieten möchte und was man brauchen könnte. So weit so gut. Ich wollte mich schon anmelden.Dann ist mir aber beim Ausfüllen des Anmeldeformulars etwas mulmig geworden, weil da Name und genaue Adresse und ein Foto verlangt werden. Die Kombination dieser drei Infos zu meiner Person habe ich bis jetzt überall vermieden. Mir ist schon klar, dass google diese Infos in Bruchteilen von Sekunden zusammenstellen kann, aber ich habe auf keiner Plattform jemals meine Adresse angegeben, auch nicht meinen Namen in Verbindung mit einem Foto. Ist das übertrieben, ist das gescheit, ich bin mir nicht sicher.

Nachdenklich geworden bin ich überhaupt. Auf den ersten Blick hat mir die Sache sehr gut gefallen, auf den zweiten denke ich mir, naaaaa jaaaaa, möchte ich wirklich mit vielen Leuten, die gleich gegenüber oder um´s Eck wohnen in näheren Kontakt kommen ? Wenn man ganz in der Nähe wohnt, ist es äußerst mühsam, Leute, mit denen man doch nichts weiter anfangen kann, wieder loszuwerden. Da sind für mich Theorie und Praxis sehr weit auseinander.

Möchte ich mich wirklich freiwillig in so eine Art Dorfsituation begeben ? Schließlich schätze ich die Anonymität der Großstadt durchaus und eigentlich bin ich mit dem mittelnahen Verhältnis zu meinen Hausnachbarn  zufrieden.Bisher bin ich ja noch nie auf den Gedanken gekommen Freundschaften nach dem Kriterium „wohnst du in meiner Nähe“ einzugehen. Manchmal gibt es da angenehme Überraschungen, wenn jemand den/die ich kennen und schätzen gelernt habe zufällig in der Nähe wohnt. Das war bisher die Reihenfolge der Geschehnisse beim Kennenlernen von wem auch immer. Möchte ich diese Reihenfolge verändern ?

War es nicht überhaupt eine Schnapsidee mich an dieser Plattform beteiligen zu wollen ? Da werde ich jetzt lange darüber nachdenken, erfahrungsgemäß sehr lange …