Weise oder giftig ist die Frage

Von den „klassischen“ Ängsten des Altwerdens weiß man ja schon als jüngerer Mensch Die Angst vor dem Tod, dem eigenen und jenem geliebter Menschen, vor dem Leiden, vor der Einsamkeit, vor dem Verlust der körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Alles bekannt, aber während einiger Jahrzehnte leicht zu verdrängen. Warum sollte man sich mit 20, 30, 40, 50 mit dem Altwerden beschäftigen, das ist ja noch so unendlich weit weg, falls es nicht überhaupt nur die anderen betrifft. Das ist keine rationale Überlegung, sondern das jugendeigene Gefühl, dass das Leben unendlich ist.

Genauso ging es mir natürlich auch. Ich hatte viele Jahre lang einen Partner, der viel älter war als ich und das unterstützte meine immerwährende-Jugend-Illusion. Jetzt habe ich einen Partner, der viel jünger ist als ich und das führte schon vor einigen Jahren dazu, dass ich begann mich mit dem Thema „Alter“ etwas intimer auseinanderzusetzen.

Nun bin ich kürzlich 60 geworden und finde, dass ich gar keine Lust habe mit gleichaltrigen  oder jüngeren (vor allem) Frauen im Bereich Jugendlichkeit zu konkurrieren. Ich finde es auch recht nervig, dass der gesellschaftliche Konsens offenbar darin besteht, dass man sich so lange wie irgend möglich jung und fit zeigt, koste es was es wolle, auch die eigene Lebensqualität, und dann, wenn das gar nicht mehr geht tunlichst aus dem öffentlichen Leben verschwindet um andere nicht nervös zu machen. Für ein entspanntes Altwerden ist wenig Raum vorhanden und wenig Respekt.

Ich bin weder körperlich schwer behindert noch senil und hoffe beide Zustände noch nicht bald oder möglichst gar nicht zu erreichen, aber es besteht doch ein deutlicher Unterschied zwischen 30 und 60, im physischen und psychischen. Dies zu leugnen finde ich dumm und selbstschädigend. Diese Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen und gut damit zu leben scheint mir der beste Weg zu sein. Dazu gehört eine nicht schmerzfreie Offenheit zu sich selbst.

Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich täglich von jungen Menschen umgeben bin. Die 20jährigen Mädchen mit den strahlenden Augen, den vollen Haaren und der jungen Haut hüpfen scharenweise um mich herum. Meistens lösen sie bei mir freundliche Gefühle aus, Wohlwollen, Verständnis, Geduld, aber es gibt auch Momente in denen mich der Neid packt und die Vorstellung wie gerne ich auch noch das ganze Leben vor mir hätte. Die jungen Männer lösen wieder andere Gefühle aus, die sich im Laufe der Jahre nicht so stark verändert haben. Von  „so also sind sie wenn sie noch ganz jung sind“ bis zu „Wow, hat der einen schönen Körper“

Der eindeutigste Hinweis dafür, dass ich alt werde, ist für mich das sich verändernde Körpergefühl. Ich empfinde immer stärker wie sehr der Geist vom Körper abhängig ist, dass langsam, sehr langsam der Körper die Kontrolle über den Geist übernehmen wird.

Bis dahin ist noch Zeit und diese Zeit gedenke ich angenehm und sinnvoll zu nutzen. Das ist zumindest der Plan

Ich beteilige mich hiermit am Projekt von Frau Quadratmeter

 

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